05/11 2008

Ob Kinder Legasthenie bekommen, lässt sich prognostizieren

Von Guri Gunnes Oppegård (Übersetzung: M. Frank)


Zur Legasthenie neigende Kinder entwickeln in ihrem Sprachzentrum im Vergleich zu anderen Kindern eine unterschiedliche Hirnaktivität. Zum ersten Mal beweisen Forscher, dass mit Hilfe von Hirnscanning (genannt fMRI = functional Magnetic Resonance Imaging) bei sehr kleinen Kindern festgestellt werden kann, ob ein Risiko für das Entwickeln von Legasthenie besteht.

Dass Legasthenie angeboren zu sein scheint, ist bekannt. Mit Hilfe des Forschungsprojektes „Ut med språket!“ („Raus mit der Sprache!“) versuchte man an der Psychologischen Fakultät der Universität Bergen, frühe Risikofaktoren zur Entwicklung von Legasthenie zu entdecken.

Dabei stellte sich heraus, dass der Blutdurchfluss des Sprachzentrums im Gehirn verschieden ist bei Kindern mit erhöhtem Legasthenie-Risiko und Kindern ohne diesem Risiko.

„Unsere Untersuchungen des Gehirns haben uns die Möglichkeit gegeben, mit größerer Sicherheit früher dieses Risiko bei Kindern zu erkennen. Dies ermöglicht ebenso frühe Maßnahmen“, so Turid Helleland, außerordentlicher Professor an der Abteilung für biologische und medizinische Psychologie (Sektion für Logopädie) an der Universität Bergen.

Unterschiede in der Gehirnaktivität

Beim Projektstart 2003 bekamen Eltern und Vorschulpädagogen in vier Gemeinden des norwegischen Westlandes einen einfachen Fragebogen zugesandt. Ziel war die Ermittlung von Kindern, die sich in der legasthenen Risikozone befanden. Die drei wichtigsten Faktoren bei der Befragung waren Erblichkeit, Sprachentwicklung und das Heranreifen der motorischen Fähigkeiten.

Auf Grund der eingesammelten Resultate wurden 25 Kinder im Alter von 5 Jahren als Teil der Risikogruppe definiert. Außerdem wurde eine Kontrollgruppe von 24 Kindern geschaffen, die nicht dieses Risiko haben.

Mit Hilfe der fMRI-Technologie ließ sich feststellen, welche Regionen des Gehirns bei unterschiedlichen mentalen Herausforderungen aktiviert werden. Forscher Karsten Specht und Professor Kenneth Hugdahl der fMRI-Gruppe (der Psychologischen Fakultät und der Haukeland Universitätsklinik) scannten Bilder der Gehirne, während sich die Sechsjährigen im Kernspintomographen befanden und mit Hilfe einer speziellen Monitorbrille bekannte Logos und Wörter betrachteten.

(Foto: fMRI-Gruppe)

„Die Kinder drückten auf einen Antwortknopf, wenn sie ein definiertes Thema betrachteten bzw. „lasen“, zum Beispiel über etwas, was sich trinken lässt. Gleichzeitig wurde der Blutdurchfluss im Gehirn gemessen. Dann verglichen wir die beiden Gruppen, erzählt Forscher Specht.

Die Resultate präsentierten keinen Unterschied in den Lesefertigkeiten der Kinder beider Gruppen. Allerdings zeigte sich, dass das Gehirn unterschiedlich arbeitete: die Kinder mit hohem Legasthenie-Risiko hatten deutlich weniger Blutdurchfluss im Sprachzentrum des Gehirns.

„Die Gehirnstimulation der Kinder mit niedrigem Legasthenie-Risiko war vergleichbar mit der Stimulation, die wir bei Erwachsenen erwarten können“, so Specht.

Frühes Sprachtraining

Hellands Forschungsgruppe hat die Kinder die letzten vier Jahre beobachtet. Die Lese- und Schreibfähigkeiten der Achtjährigen stimmen mit der Risikoregistrierung überein, die mit Hilfe der Fragebögen erstellt wurde, als die Kinder fünf Jahre alt waren. Den Kindern, die mit hohem Legasthenie-Risiko eingestuft wurden, fällt das Lernen jetzt schwerer, als den Kindern, die sich nicht in dieser Gruppe befanden.

Die Kinder, die zusätzliche Hilfe beim Erlernen der Sprache benötigten, erhielten zwei unterschiedliche Trainingsprogramme.

„Einige wurden mit dem so genannten «buttom-up»-Prinzip trainiert. Dies beinhaltet, dass wir sie auf Sprachlaute aufmerksam machten, bevor sie mit dem Lesen anfingen. Legasthene Kinder haben ja Probleme mit dem Unterscheiden von Sprachlauten“, so Professor Helland.

Das andere Prinzip nennen die Forscher »top-down»-Prinzip. Dies bedeutete, dass Kinder die Sprache mit Hilfe eines Computerprogramms erlernten, welches Sätze und Bilder miteinander kombiniert. Auf diese Weise sollten die siebenjährigen Kinder auf die Einführung in die Sprache vorbereitet werden.

„Es zeigte sich, dass für einige Kinder die erste Methode, für andere die zweite Methode besser passte. Unsere Resultate zeigen, dass eine Kombination der beiden Annäherungen die beste Methode ist“, sagt Professor Helland.

Im nächsten Jahr fangen die Kinder in der sechsten Klasse an. Dann werden die Forscher mit einer weiterführenden Studie untersuchen, wie die beiden Gruppen sich entwickelt haben.

„Das wird noch sehr spannend“, schließt Professor Turid Helland ab.


Der Originaltext dieses Artikels ist hier zu finden.

Ein englisches Abstract gibt es hier.